Spießerseele in der Kleingartenhölle oder die alten Männer der Blaukornfraktion

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Ich liebe meinen Kleingarten. Er ist wild, schön, aber auch schwierig, da das Unkraut sich bereits vor Jahren darin manifestiert hat. Lange habe ich damit gehadert und war überfordert ihn in den Zustand zu bringen, den die Kleingartengesellschaft will. Nicht wenige Versuche ihn „ordentlich“ zu machen sind kläglich gescheitert. In all den Jahren war ich oft so gefrustet, dass ich ihn wieder abgeben wollte. Irgendwann habe ich mich dann von den „Erwartungen und Anforderungen“ der alten Männer der Blaukon Fraktion abgewandt. Seitdem pflege ich einen nachhaltigen Anbaustil, mit Ansätze der Permakultur. Unkraut ist hier nicht der Feind, sondern wird etwa durch mulchen und Abernten der Samenstände in Schach gehalten. Blaukorn ist verpönt, gedüngt wird mit Kompost und organischen Materialien wie Schafswolle. Die Hochbeete sind aus rohem Holz, wenn möglich aus recyceltem Materialien. Auch weil ich nicht die Massen an Geld in einen Gemüsegarten stecken kann, wie ein Single Mann oder ein DINK. Und doch ist mein gepachteter Kleingarten wunderschön geworden. Voll Leben und mit tollen Begegnungen von Salamander bis Hirschkäfer. On top ist er noch voller Gemüse und Obst für meine Familie.

Doch ich muss sagen, ich liebte meinen Kleingarten. Denn vor einer Woche habe ich die fristlose Kündigung der Gartenparzelle erhalten. Bereits seit längerem kämpfe ich gegen das Mobbing, die Vorurteile, die Verunglimpfungen durch den Vorstand – die Fraktion der alten Männer – an. Obwohl ich an mich gestellte Forderungen nochmals versucht habe zu erfüllen – wohl wissend, dass es nie genug sein wird – nimmt es jetzt dieses Ende. Denn es geht im Grunde genommen nicht darum, wie mein Kleingarten aussieht. Denn selbst der verblendeteste Blaukorn Vertreter kann erkennen, dass sehr wohl etwas passiert im Garten.

Ich habe viel gelernt seit ich den Garten habe. Auch habe ich mir inzwischen einen Namen gemacht in der Gärtner Szene. Oft höre ich, dass man mir meinen Enthusiasmus und meine Liebe zum Gärtnern immer anmerkt bei meinen Posts und Blogbeiträgen. Ja, da steckt viel Herzblut, Schweiß, Hirnschmalz und Muskelkraft in Allem was ich mache rund um das Gärtnern.

Nur um jetzt von einer gefrusteten Spießerseele mit einem gewaltigen Napoleonkomplex eingeholt zu werden. Ja, man hat mir den GartenGarten gekündigt, weil ich das Unkraut nicht bekämpfe sondern nur in geregelten Bahnen halte. Weil ich mehr und mehr den Garten organisch und Nachhaltig bewirtschaftet. Weil ich nicht die Rasenkanten gerade und die Fugen der Steinplatten nicht peinlich genau von Unkraut frei halte. Doch wirklich die Wut in die Augen treibt mir der eigentliche Grund: „Als Frau bist du doch damit überfordert!“ Ehrlich, ich kotz ab.

Vor dem Hintergrund der aktuellen  Geschehnissen wird überdeutlich, dass es das „Anders sein“ ist, welches mir jetzt in letzter Konsequenz den Kleingarten kostet. Ich weiß nicht, ob es hier in Baden-Baden schlimmer ist als in anderen Kleingartenvereinen, da wir hier das haben, was man ruhig die „Herrschafft der Alten (mit gutem finanziellen Polster)“ nennen kann. Durch meine Arbeit in einer Elterninitiative für Schulkindbetreuung und meiner Präsidentschaft in einem Serviceclub der Soroptimisten weiß ich nur zu gut, welchen wahren Stellenwert Frauen und Familien hier in Baden-Baden haben. Soviel sei gesagt: Keinen. Auch in der Kleingartenanlage waren frauenfeindliche Sprüche wie: „Die Schriftführerin hat kein Stimmrecht“ oder „Frauen dürften keinen Kleingarten pachten“  von Anfang an Alltag.

Der Anfang des aktuellen, armseligen Trauerspiels war dann ein Totholzhaufen an der Grenze zu dem Gartennachbarn, welcher das Spießertum der Kleingartenverein regelrecht glorifiziert. Zu erwähnen sein, dass er Jahrelang den Vorsitz der Gartenanlage inne hatte und die gesamte Anlage terrorisierte. Nun, dieser Gartennachbar störte sich unverzüglich an dem nicht vorhandenen Gestank des unansehnlichen und unordentlichen Haufens. Das sich darin Nützlinge verstecken und überwintern können, war und ist keinerlei Berechtigung für diesen Haufen. Dass der derzeitige Vorstand, welcher auf der Seite des Altvorstandes ist, ebenfalls ein Totholzhaufen hat, tut ebenfalls nichts zur Sache. Die Drohung durch den aktuellen Vorstand: „Du wirst mich noch kennen lernen.“ war dann der Startschuß der kleingärtnerischen Hatz.

Es wurde gehetzt und behauptet, ich vernachlässige meinen Garten, wie man unschwer an den Hochbeeten erkennen kann. Klar, das Holz ist unbehandelt und ich habe mir bewusst das Plastik gespart. Entsprechen fault es jetzt und muss mit Stahlstangen abgestützt werden. Aber Mann, die Erde darin ist die Beste, die du in unserer Gartenanlage finden kannst. Die volle Powererde, welche regelmäßig die dicksten Kartoffeln hervor bringt. Und bei Monti Don sehen die Gemüsebeete von Außen auch nicht anders aus.

Da geht es nicht mehr um das gärtnerische Verständnis oder Können, sondern um „Wertevorstellungen“ die dem Wort „Klein“ eine ganz andere Dimension geben. Bei den Jahreshauptversammlungen des Vereines wurde immer die Weltoffenheit und das internationale Miteinander gefeiert. Wie hohl diese Worte in Wahrheit sind habe ich dann hautnah bei meiner Arbeit als Schriftführerin im Vorstand erfahren dürfen. Auch aus diesem Posten wurde ich mit einem wirklich menschlich unterirdischem Verhalten hinaus gemobbt. In der Folge hat man mir dann auch noch unterstellt, dass ich Schriftstücke unterschlage, nur weil man nicht in der Lage war all die von mir digitalisierten Dokumenten richtig zu nutzen. Allein das zeigt, wie sehr die alten Männer in ihrer eigenen Welt verhaftet sind. Mit Verleumdung und propagandistischen Mitteln, welche denen der derzeitigen populistischen Massenbewegung recht ähnlich sind, wurde und wird gegen mich gehetzt und nicht nur gegen mich. Das Ziel ist ausnahmslos Alle, die sich nicht gleich richten lassen in das Gartenweltbild der alten Männer, zu entfernen. Gentrifizierung auf Kleingärtner Art. Da werden Familien mit Kindern, Ausländern und ja vor allem aufmüpfige Frauen mit eigenem Willen mürbe gemacht bis sie aufgeben und den Dunstkreis des Kleingartenvereines verlassen.

Nun, nach über zwei Jahren streiche ich die Segel. Auch weil ich es leid bin mich mit den alten Männern auseinander zu setzen. Aber neben weiteren Gründen sind es vor allem die Vorurteile, denen ich nicht länger entgegen stehen will, zumindest in dieser Weise. Es ist mir nicht möglich den verbohrten Betonköpfen die Schönheit meines Tuns zu verdeutlichen. Sie haben die Neugierde verloren – oder sie hatten sie nie – welche nötig ist um sich Neuem zu öffnen und um die allgegenwärtig vorhandenen Vorurteilen zu überwinden. Gerade ein Garten ist Wandel, ist ausprobieren, ist inne halten und einfach mal laufen lassen. 

Ich liebe meinen Garten und ich bin froh, dass ich diese Liebe in andere Gärten auch weiterhin ausleben und darüber schreiben kann. Aber ich bin auch eine Frau, die sich nicht den Mund verbieten lässt. Sag mir ich kann es nicht, weil ich eine Frau bin und du wirst von mir eines Besseren belehrt. Ich weiß was ichtue und lasse mir nicht diktieren, was ich zu tun und zu lassen haben. Wenn es nicht das ist, was du dir vorstellst, dann schlucke es runter.

Die alten Männer der Blaukorn Fraktion wird man nicht mehr ändern können. Aber es besteht die Chance, dass die nachrückende Gärtnergeneration nicht mehr so engstirnig sein wird, wenn es darum geht einen Garten zu gestalten und bewirtschaften. Darum geht es mir: Zu verdeutlichen, ja all die Voruteile, welche es über Kleingärtner gibt, sie sind alle wahr. Eine bittere Erkenntnis, welche ich selbst lange verleugnet habe. Aber es muss so nicht bleiben, denn irgendwann werden auch die alten Männer der Blaukorn Fraktion verschwinden und der Weg ist frei für mehr Vielfalt, auch im Garten.

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